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Ein interessanter Artikel aus der App der Süddeutschen Zeitung:

Reise, 26.06.2014

Deutschland/Jordanien

Die Unverwüstlichen
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Von Anja Martin

Hat jemand einen roten Stein gesehen? Seit Kilometern ist den Teams keiner mehr begegnet. Dabei sollen sie den Weg weisen. Durch die Wüste. Irgendwo im Osten Jordaniens, wo es nur Trockenheit und Hitze gibt, durchzogen von einzelnen Schnellstraßen in Richtung Irak oder Saudi-Arabien. Doch selbst diese tristen, unbefestigten Streifen Asphalt sind längst außer Sicht. Am Horizont trippeln Windhosen. Flimmern da auch Fata Morganas? Wir sind mittendrin in der Welt von Kara Ben Nemsi, Hadschi Halef Omar und Lawrence von Arabien. Der Blick sucht nach Beduinen und Kamelen, die es im zu 80 Prozent aus Wüste bestehenden Königreich tatsächlich noch gibt. Die einzige Karawane allerdings ist derzeit unsere motorisierte, die sich, in kleine Gruppen versprengt, eine Route durch die Ödnis sucht. Immer seltener knarzen die sonst so launigen Funksprüche herein. Die Stille der Wüste überträgt sich auf alle.

Seit fast drei Wochen sind die mehr als 600 Teilnehmer und mehr als 100 Teams der Allgäu-Orient-Rallye unterwegs. Entstanden aus einer Bierlaune unter Freunden, führt sie nun schon zum neunten Mal aus dem Kurort Oberstaufen in den Vorderen Orient. Ein trotziges Es-geht-auch-anders in Richtung Paris-Dakar sollte es sein: eine Rallye mit niedrigen Startgeldern und billigen Autos, die durchquerte Länder ernst nimmt. Begegnungen mit Einheimischen am Rande der Route werden durch Roadbook-Aufgaben forciert. Mal mussten Teams aus jedem Land ein Rezept mitbringen, dieses Mal sollte der Inhalt einer Handtasche nach und nach gegen Reis getauscht werden; 25 000 Mahlzeiten für Bedürftige kamen zusammen. Auf den Sieger wartet nach mehr als 7000 Kilometern lediglich ein Kamel, das dann - wie auch die Rallyefahrzeuge - als Spende im Land bleibt. Gefahren wird auf Nebenstraßen, ohne Navi, bei freier Routenwahl. Nur Syrien musste umrundet werden.

Ein Stück Schlauch wird angestückelt, eine Dose als Schlagschutz montiert
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Auf der letzten Etappe vor dem Ziel am Toten Meer geht es für 150 Kilometer in die Wüste. Endlich. Nicht wenige haben Plüschtier-Kamele als Maskottchen an Bord. Auf Karosserien finden sich Sprüche wie "Ich bremse auch für Kamele". Teams heißen "Die VerWüsteten", "007 Wüstenfieber", "KAMELkaze" oder "Wupperkamele". Die Wüste: das Highlight der Rallye. Sehnsucht von Autofans und Abenteurern. Unwirtlich, erbarmungslos. Ein Ort, um sich zu beweisen. Stimmt das noch in unserer modernen Zeit, in der es keine weißen Flecken mehr auf der Landkarte und nichts mehr zu entdecken gibt?

In sichtbaren Wolken bläst der Fahrtwind den Wüstensand durch alle Ritzen. Manche Insassen binden sich Tücher um Mund und Nase. Warum Beduinenkleidung Sinn ergibt, ist jetzt jedem klar. Die Wüste in dieser Gegend, rund 60 Kilometer östlich von Amman, gleicht mehr einer Schotterebene als einem Sandmeer. Das fordert seinen Tribut. Die Reifenpannen häufen sich. Im eigenen Team eine abgerissene Kraftstoffleitung. Eine Lappalie! Acht Jungs stemmen den Kleinwagen hoch, ein Ersatzrad wird zum Aufbocken untergeschoben. Der 33-jährige Andreas Kaiser vom Team "Aichach goes Orient", Team 41, zu Hause Werkstattleiter einer Autobahnmeisterei, legt sich unter seinen Golf, den er zusammen mit seinem Bruder fährt, und improvisiert: Ein Stück Schlauch wird angestückelt, darüber eine aufgebogene Konservendose als Schlagschutz montiert. Wo der Standardanruf beim Pannendienst naturgemäß ausfällt und überproportional viele Mechaniker und Schrauber aufeinandertreffen, gibt es immer Lösungen. Bevorzugt unkonventionelle.

Die Teams sind meist bunt gemischt: So gehören zu "Aichach goes Orient" neben den beiden Brüdern der 29 Jahre alte, immer gut gelaunte Busfahrer Christian Funk als Captain und der 32 Jahre alte Tobias Hanke, der sich Fotos von Frau und Baby hinter die Sonnenblende geklebt hat. Außerdem der 48-jährige Türke Erol Duman. Weil sein Dönerrestaurant "Orient Express" heißt, wollte ihn das Team als Sponsor gewinnen. Kurzerhand fuhr er selbst mit. Außerdem dabei: der pensionierte Verwaltungsbeamte Max Schreier, der noch einmal ein Abenteuer erleben und Gegenden kennenlernen wollte, in denen er bislang noch nicht war. Doch eigentlich kann man nicht allein übers Team 41 sprechen, denn schon seit der türkischen Grenze fahren sie mit den Schwaben von Team 72 gemeinsam. Fragt man nach ihrer Teamnummer, sagen sie 113. Doch die Zahl steigt beständig. Seit die "Smarten Hanseaten" von Team 86 und ein abgesprengter Passat von Team 101 über weite Strecken dabei sind, fährt man bereits mit zehn Autos. Die neue Teamnummer: 300.

Das zum Welterbe zählende Wüstenschloss Qusair 'Amra verpassen wir mangels Orientierung oder wegen fehlender roter Steine. Also keine Mosaike, keine Fresken. Ein paar Kilometer weiter scheren wir in die offizielle Route ein. Das zweite Wüstenschloss: Qasr Kharana. Größer, festungsartiger, wenn auch innen weniger prächtig. Die Umayyaden haben eine stattliche Anzahl dieser Wüstensitze errichtet, von denen man nicht mehr weiß, wofür sie einst verwendet wurden. Waren sie Jagd- oder Lustschlösser, Karawansereien oder Lagerhäuser, Pilgerstopps für Mekkareisende? Oder politische Außenposten für gute Beziehungen zu den Beduinen?

Wo sonst Reisebusse Touristen entlassen, sammeln sich heute staubige Autos mit nicht minder staubigen Menschen, die auf ihrer Reise kaum ein Hotelbett und selten eine Dusche gesehen haben. Heute fallen hier nicht Begriffe wie Halbpension, Hochsaison und Welterbe. Dafür Radlager, Lichtmaschine und Luftfilter. Das Roadbook ersetzt den Baedecker.

Dass die Autos für einen guten Zweck gespendet werden, war anfangs ein Kniff, denn die hohe Importsteuer hätte die Rallye unmöglich gemacht. Die Sache mit der Charity verselbständigte sich schnell. Inzwischen können 29 Kinder in Jordanien dank kostenlos eingesetzter Implantate hören. Ob Nähmaschinen, Dachbalken, Tischkicker oder Rollstühle - vieles wurde bereits auf der Strecke transportiert. Auch vieles, was spontan gespendet wird.

"Hoffentlich kommen wir hier lebendig raus" - für manche gehört Galgenhumor dazu
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Spätestens im Süden Jordaniens wissen die Leute längst, dass 600 Autos kommen, die Geschenke dabeihaben. Und sie halten Ausschau. Auch dass die Fahrzeuge im Land bleiben, hat sich herumgesprochen, und so werden die Rallye-Teilnehmer beispielsweise auf dem Parkplatz der Felsenstadt Petra bedrängt. Händler wollen Teile kaufen: "Haben Sie ein Autoradio oder Werkzeug? Was ist mit den Spiegeln, den Sitzen, den Reifen?"

Die Karawane zieht weiter. Mit deutlich mehr PS als zur Zeit der Umayyaden, dafür auch mit deutlich mehr Pannen. Ein Loch in der Ölwanne vom "Gelben Baron" (Team 41) wegen eines übersehenen Steins - der 5er-BMW kommt an die Abschleppstange. Überall werden die Ersatzräder knapp. Manche fahren auf platten Reifen weiter, bis nichts mehr geht. Wie beim "Smarten Hans" von Team 86: Die Felge wickelt sich allmählich zu einem Metallklumpen, das Rad blockiert. Das Gefährt muss geopfert werden - schweren Herzens, versteht sich. Das Auto war schließlich treuer Begleiter über Tausende Kilometer. "Kann bitte ein Mechaniker den Tod feststellen?", ruft jemand theatralisch. Das Wertvollste wird umgeladen. Das wären in der Wüste: alle Räder, der Sprit aus dem Tank und die Lebensmittel. Die aus vier Teams bestehende Trauergemeinde hinterlässt Kondolenzbezeugungen per Lackstift auf der Karosserie, die Nummernschilder kommen ab. Einer vom befreundeten Team richtet die Videokamera auf die Autobestattung, dann auf sich und sagt mit gespielt verzweifelter Stimme im Stil des Horrorfilms "Blair Witch Project": "Wenn jemand diese Aufzeichnung findet: Hoffentlich kommen wir hier lebendig raus."

Bei der Siegerehrung im Hotel, an dem alle Teilnehmer unversehrt angekommen sind, sagt Wilfried Gehr als Kopf der Rallye, der die Strecke mit dem Motorrad mitgefahren ist: "Wenn es zu schwer war, entschuldige ich mich." Und er fügt schmunzelnd hinzu: "Ich mache es aber nächstes Jahr wieder genauso." Ganz bewusst sollen Teilnehmer zwischendurch an ihre Grenzen kommen. "Diese Erfahrungen sind es ja auch, die uns prägen." Etwa die Erkenntnis, dass man sich schon in einer vergleichsweise kleinen Wüste verirren kann, und wie sich das anfühlt.

Allerdings ist so ein Offroad-Tag in Wirklichkeit auch nicht gefährlicher als ein Tag auf der Landstraße. Man muss maximal 100 Kilometer in eine Richtung fahren, um auf eine Schnellstraße zu stoßen. Auch die Beduinenpolizei schwirrt immer irgendwo herum. Und es gibt eine Art Not-Aus, einen SOS-Knopf. Dass die Ausfahrt nicht zu einer Pauschalreise mit garantierter Urlaubsfreude wird, ist Wilfried Gehr, einem humorvollen Schwaben mit vielen bunten Brillen, wichtig: "Wer eine Vollkaskoveranstaltung will, soll bei Tui buchen." Sein Verein hat sich die Bezeichnung "eins der letzten automobilen Abenteuer" sogar schützen lassen.

"Vor allem ist es auch ein menschliches Abenteuer", meint der Luftfahrtingenieur Marcus Frehsel von Team 11, als er wie die anderen auch im Toten Meer dümpelt und die Rallye Revue passieren lässt. Die größte Herausforderung, da sind sich alle Teilnehmer einig: ein Team zusammenhalten. Man hängt drei Wochen aufeinander, ohne eine Tür hinter sich zumachen zu können, muss ständig Kompromisse eingehen, dabei Kilometer runterreißen und kreative Lösungen finden, selbst bei Schlafmangel. Weder zusammengewürfelte Teams noch welche, die aus alten Kumpels bestehen, sind vor Knatsch gefeit. Einzelgänger prallen auf Gruppenmenschen. Werte wie Verantwortung, Hilfsbereitschaft, Freigiebigkeit, Freundschaft und Geduld kommen zu neuen Ehren.

Selbstverständlich fährt man an einem Team mit Panne nicht vorbei. Wer noch hat, gibt ab - selbst Ersatzreifen in der Wüste. Über weite Strecken ersetzen Naturalien Geld als Zahlungsmittel. Ein Sixpack für eine Lichtmaschine? Deal. Für drei Wochen haben die Teilnehmer ein gemeinsames Ziel: Spaß haben und nebenbei noch helfen, bei einem Roadmovie mit Happy End.


Informationen
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Rallye: Die Teams bestehen aus sechs Mitgliedern und drei Fahrzeugen, die mindestens 20 Jahre alt oder maximal 1111,11 Euro wert sind, Motorräder 1,11 Euro pro cm³. Start: Oberstaufen. Ziel: Amman bzw. Totes Meer. Strecke: 7000 bis 8000 Kilometer.

Unterkunft: im Auto, im Zelt, in Hotels und Pensionen (Preislimit: 11,11 Euro pro Nacht und Person).

Termine: Anmeldung für die 10. Allgäu-Orient-Rallye am 7. Juli 2014, 3.33 Uhr. Start: um den 1. Mai 2015. Dauer: rund drei Wochen.

Anmeldung und Kosten: Anmeldegebühr 222,22 Euro pro Person. Vom Autokauf bis zu Flügen und Fähren sollte man ein Budget von 2000 bis 3500 Euro einrechnen, www.allgaeu-orient.de

Allgemeine Auskünfte: www.visitjordan.com


 

Bericht in den Salzburger Nachrichten am 26.4.2014

Salzburger Nachrichten Bericht
 


Bericht in der Zeitung LehrerIn & Gesellschaft

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